Aus dem Werk Hermann Hesses

Leseprobe Mai 2007



Inzwischen war die heiße Jahreszeit gekommen und seit dem Landexamen und den damaligen Sommerferien schon ein Jahr vergangen. Hans dachte gelegentlich daran, doch ohne sonderliche Bewegung; er war ziemlich stumpf geworden. Gerne hätte er wieder angefangen zu angeln, doch er wagte nicht, den Vater darum zu bitten. Es plagte ihn, sooft er am Wasser stand, und manchmal verweilte er lang am Ufer, wo niemand ihn sah, und folgte mit heißen Augen den Bewegungen der dunklen, lautlos schwimmenden Fische.

Gegen Abend ging er täglich eine Strecke flußaufwärs zum Baden, und da er dabei stets an dem Haus des Inspektors Geßler vorübergehen mußte, entdeckte er zufällig, daß die Emma Geßler, für die er vor drei Jahren geschwärmt hatte, wieder zu Hause sei. Neugierig sah er ihr ein paarmal nach, aber sie gefiel ihm nicht mehr so gut wie früher. Damals war sie ein zartgliedriges, sehr feines Mädchen gewesen, jetzt war sie gewachsen, hatte eckige Bewegungen und und trug eine unkindliche, moderne Frisur, die sie vollends ganz entstellte. Auch die langen Kleider standen ihr nicht, und ihre Versuche, damenhaft auszusehen, waren entschieden unglücklich. Hans fand sie lächerlich, zugleich aber tat es ihm leid, wenn er daran dachte, wie sonderbar süß und dunkel und warm ihm damals, sooft er sie sah, zumut gewesen war.

Überhaupt - damals war alles viel schöner, so viel heiterer, so viel lebendiger!


Hermann Hesse,Unterm Rad
Suhrkamp Verlag Franfurt/Main 1972.

- Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages -